Wer war eigentlich Friedrich List?



Der Lebensweg von Friedrich List - dem Namensgeber unsere Schule


Friedrich List - Portrait



Er saß im Gefängnis, war Staatsfeind, Flüchtling und Asylant, und ein streitbarer Mensch noch dazu. Sein Leben beendete er mit Selbstmord.

Friedrich List: ein Verbrecher, eine gescheiterte Person?

Unsere Schule trägt heute seinen Namen!

Friedrich List wurde am 6. August 1789 in Reutlingen getauft. Dies ist vermutlich auch sein Geburtstag, weil damals die Neugeborenen wegen der hohen Säuglingssterblichkeit sofort getauft wurden. Er starb am 30. November 1846, wurde also nur 57 Jahre alt. Dazwischen lag ein unstetes, aber schaffensreiches Leben. Grund genug, sich mit der schillernden Persönlichkeit des Namensgebers unserer Schule zu beschäftigen.

von Hartmut Hannemann


Der Autor ist Fachbereichsleiter Wirtschaftslehre an der Friedrich-List-Schule Berlin
- OSZ Wirtschaftssprachen - Kompetenzzentrum Internationale Beziehungen -
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EIN BISSCHEN GESCHICHTE

1789, das war das Jahr der Französischen Revolution. In Europa herrschte Feudalismus, Monarchie, Absolutismus und eine merkantilistische Wirtschaftsordnung. Der Adelsstand und die Geistlichkeit besaßen alle Privilegien, die meist maßlos und willkürlich genutzt wurden. Parlamente, also Volksvertretungen im heutigen Sinne, und freie Wahlen gab es noch nicht. In Anfängen gab es ein aufstrebendes Bürgertum, dem vor allem vermögende Handelsleute zugerechnet wurden. Außerdem entwickelte zunehmend das Handwerk sein eigenes Selbst- und Standesbewusstsein. Dieses aufstrebende Bürgertum wollte entsprechend seiner zunehmenden wirtschaftlichen Bedeutung politisch beteiligt werden. Es sah den Adel, der längst seine Bedeutung als Beschützer der Bevölkerung verloren hatte, nur noch als Parasiten an, der auf Kosten der Bürger und der Masse der besitzlosen Bevölkerung lebte.


Für den überwiegenden Teil der Menschen war das Leben trostlos. Hauptnahrungsmittel in den deutschen Ländern war die Kartoffel. Nur wer ein wenig Grundbesitz oder eigene Tiere hatte, konnte sich geringfügig besser ernähren. Es wundert nicht, dass die Lebenserwartung der Menschen gering und die gesundheitliche Versorgung schlecht war. Bildung gab es vor allem für den Adelsstand und Kinder sehr reicher Bürgerfamilien. Für die arme Bevölkerung gab es einige (meist dem Pfarrer unterstellte) Dorfschulen, die aber hauptsächlich Gehorsam und "Liebe zu Gott" vermittelten. Die allgemeine Schulpflicht wurde in den deutschen Ländern erst nach 1800 eingeführt, die Kinder von Kleinbauern und Tagelöhnern besuchten trotzdem meist nicht die Schule, da ihre Arbeitskraft im Haus, auf dem Feld oder in den Fabriken gebraucht wurde.

Der Begriff "Jugendlicher" existierte noch nicht, denn sobald als möglich mussten Kinder für das Auskommen der Familie mitarbeiten. Es gab kein soziales Netz wie heute. Einrichtungen wie Sozialversicherung und Altersrente wurden erst ca. 100 Jahre später in Anfängen geschaffen. Die Alten fristeten in den Familien ihr Dasein, die eigenen Kinder waren die Altersversorgung. Allenfalls die Kirchen gaben Almosen.

In der Französischen Revolution von 1789 erkämpften sich zum erstenmal in Europa die Menschen Bürgerrechte. Es war der Beginn der Entwicklung, die zur Abschaffung der Monarchie und zur Einführung von Grundrechten wie dem Schutz der Menschenwürde, dem allgemeinen und gleichen Wahlrecht, der Meinungsfreiheit und der Versammlungsfreiheit führte, so wie sie heute u. a. im Grundgesetz, der deutschen Verfassung, verankert sind.


UND DEUTSCHLAND?

Die deutschen Länder waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts politisch längst noch nicht so weit wie Frankreich. Hier fand die bürgerliche Revolution – beginnend im März - erst 1848 statt und scheiterte letztlich. Die Jahre von 1815 bis 1848 werden rückblickend als Vormärz bezeichnet. Die Deutsche Monarchie der Hohenzollern wurde erst 1918 abgeschafft. Zu Lists Lebzeiten bestand Deutschland aus vielen Kleinstaaten.


Der 1815 gebildete Deutsche Bund war nur ein loser Staatenbund, in dem die Einzelstaaten eifersüchtig über ihre Souveränität wachten. Mächtig war allein das Königreich Preußen. Daneben gab es die Königreiche Bayern, Württemberg (Lists Heimat), Hannover, Sachsen und viele Großherzogtümer. Die Kleinstaaten waren um die Niederhaltung der neuen politischen und sozialen Kräfte in Form des aufstrebenden Bürgertums bemüht. Jedes Land und oftmals deren einzelne Provinzen und Städte besaßen verschiedene Währungen, Maß- und Gewichtssysteme und verlangten Zölle von den Ein- und Durchreisenden. In Preußen gab es bis zur Zolltarifreform von 1818 sechzig verschiedene Zolltarife. Eine Warensendung von Königsberg bis Köln wurde ca. 80mal kontrolliert und verzollt. Man kann sich vorstellen, dass dies die Handelsgeschäfte sehr hemmte und die deutschen Länder deshalb im Vergleich mit anderen europäischen Mächten wie z. B. England sehr rückständig waren.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts und vor allem in der Zeit des Vormärz erwachte in deutschen Landen das Nationalgefühl. Dies resultierte vor allem aus den Befreiungskriegen gegen die Armee Napoleons. Das neue Zusammengehörigkeitsgefühl ging sehr stark von den Universitäten und den gebildeten Kreisen aus. Aus dieser Zeit stammt die Deutsche Nationalhymne und die schwarz-rot-goldene Fahne. Das Nationalgefühl galt nicht der Abgrenzung zu anderen Völkern und Nationen (wie später und leider heute noch so oft), sondern der Schaffung eines einheitlichen deutschen Staatsgebildes statt vieler Kleinstaaten. Erst in diesem Kontext ist das Wirken Friedrich Lists zu verstehen.


FRIEDRICH LISTS WURZELN

Friedrich List war der Sohn eines Gerbermeisters, eines in Reutlingen sehr angesehenen Handwerkers. List zeigte wenig Interesse, im Handwerksbetrieb seines Vaters mitzuarbeiten, und sollte so eine Lehre als Verwaltungsbeamter machen. Als Bürgersohn mit entsprechendem freiheitlichen Bewusstsein entwickelte er sich in den nächsten Jahren nicht zum obrigkeitshörigen Beamten, sondern machte sich insbesondere Gedanken um Verwaltungsreformen im Sinne des aufstrebenden Bürgertums. Seine Überlegungen und Vorschläge fielen in der württembergischen Verwaltung zunächst positiv auf, so dass er aufstieg und im Januar 1818 sogar eine Professur für Staats- und Verwaltungsrecht erhielt. Lists freiheitliche Thesen gegen das Feudalwesen und Forderungen hinsichtlich Handelsfreiheit und Aufhebung von Zöllen wurden jedoch immer kritischer beobachtet. Als sich die allgemeine politische Situation und das liberale Klima aufgrund veränderter Kräfteverhältnisse im königlichen Ministerium änderten, bekam der unbequeme und kompromisslos agierende List Schwierigkeiten, die letztlich dazu führten, dass er seine Professur bereits im Mai 1819 wieder aufgab. List leitete danach einen Verein deutscher Kaufleute und Fabrikanten zum Zwecke der Förderung des Handels, der sich vehement für die Abschaffung der Binnenzölle zwischen den deutschen Ländern einsetzte.


LIST KOMMT INS GEFÄNGNIS

Im Dezember 1820 wurde List Reutlinger Abgeordneter und erstellte im Auftrage Reutlinger Bürger eine Denkschrift über deren Wünsche und Beschwerden, die er jedoch mit seinen wirtschaftspolitischen Zielsetzungen und Reformvorstellungen verband. So plädierte er für die Bildung eines deutschen Zollvereins, innerhalb dessen keine Zölle zu zahlen seien. Dies entsprach natürlich nicht den Machtinteressen der deutschen Fürsten, sondern galt als revolutionär und gefährlich. Die Regierung Württembergs schloss ihn daraufhin aus der Kammer der Abgeordneten aus und verurteilte ihn April 1822 zu zehnmonatiger Festungsstrafe. List floh zunächst und hatte verschiedene Aufenthalte u. a. in Straßburg, Basel und London, wo er das dortige Eisenbahnwesen kennen lernte. Im August 1824 kehrte List zurück und ließ sich verhaften. Gegen das Versprechen, nach Amerika auszuwandern, wurde List Januar 1825 entlassen und verlor die württembergische Staatsbürgerschaft.


LISTS JAHRE IN AMERIKA

Friedrich List blieb bis 1828 in den USA. Er nahm zunächst Kontakt mit dem französisch-amerikanischen Unabhängigkeitskämpfer Lafayette auf, mit dem er drei Monate durch verschiedene Landesteile reiste und der ihn mit wichtigen Leuten bekannt machte. List begeisterte sich für die Offenheit der Amerikaner Neuem gegenüber, entsprach dies doch seiner eigenen Wesensart. Er erwarb eine Farm, die er jedoch mangels Erfahrung nicht erfolgreich führen konnte und bald wieder aufgab. So betätigte er sich wieder journalistisch und befasste sich mit verschiedenen wirtschaftspolitischen Fragen, u. a. mit Einfuhrzöllen, mit denen die amerikanische Baumwoll- und Wollwirtschaft geschützt werden sollte.

Seine Veröffentlichungen zur Schutzzollpolitik machten ihn in Amerika in kurzer Zeit berühmt. Seine englischen Erfahrungen über das Eisenbahnwesen nutzte er und beteiligte sich maßgeblich an einem Eisenbahnprojekt zur Beförderung von Steinkohle. Es war die dritte Eisenbahnlinie in den USA. Selbst Eigentümer von Steinkohlenländereien, verband er sein unternehmerisches Interesse mit der Möglichkeit, konkrete Erfahrungen im Eisenbahn- und Verkehrswesen zu sammeln. Als die Bahnstrecke fertig war, befand sich List jedoch bereits wieder in Deutschland.


ZURÜCK IN DER HEIMAT

Er wollte in die Heimat, um seine Eisenbahnpläne anzubieten und um neue Absatzgebiete für seine Steinkohle zu erschließen. Dem stand aber seine Ausweisung aus Württemberg entgegen. Über verschiedene Umwege und mit Hilfe der amerikanischen Regierung gelang es ihm, als amerikanischer Bürger und Konsul nach Deutschland zurückzukommen, wo er schließlich ab Juni 1834 in Leipzig lebte.

Mittlerweile hatten sich die meisten deutschen Staaten 1834 zum Deutschen Zollverein zusammengeschlossen. Während List in Hamburg und Bayern mit seinen Eisenbahnplänen auf Skepsis stieß, unterstützte ihn eine Reihe maßgeblicher Leipziger Bürger, die erkannten, dass die zunehmende Industrialisierung die Verbesserung der Verkehrsverhältnisse verlangte. Im Gegensatz zu vielen anderen seiner Zeit sah List Kanäle, Straßen und Eisenbahnlinien nicht in Konkurrenz, sondern als sinnvolle Ergänzungen. Gleichzeitig mit seinen Plänen über ein sächsisches Eisenbahnsystem regte List die Gründung einer Aktiengesellschaft zur Erbauung der Eisenbahn Leipzig - Dresden an. Er hatte damit als erster die Bedeutung von Aktiengesellschaften für Großprojekte wie den Eisenbahnbau erkannt. Neben seinen praktischen Tätigkeiten gab List ab April 1835 das "Eisenbahn-Journal" heraus. Hier und in anderen Zeitschriften veröffentlichte er eine Reihe von Aufsätzen über das Eisenbahnwesen verschiedener deutscher und europäischer Länder. So basieren die Eisenbahnsysteme Deutschlands und Frankreichs zu einem großen Teil auf Lists Plänen, wenn er auch an den konkreten Umsetzungen nur selten beteiligt war. Seine meist sehr weitreichenden, überregionalen Planungen verschreckten oft die Auftraggeber, die damit ihr lokales Einzelprojekt gefährdet sahen. So entledigte man sich schnell wieder dieses großartigen Planers, meist nur mit einer geringen Summe abgefunden, so zum Beispiel in Leipzig.

Lists Anstrengungen galten neben dem Eisenbahnwesen zugleich der Einheit Deutschlands. Eisenbahnbau, Zollwesen und die politische Einheit Deutschlands gehörten für ihn zusammen. Nur so könne Deutschland wirtschaftlich und industriell aufholen.


LIST ALS WIRTSCHAFTS-THEORETIKER

In den Jahren nach 1839 arbeitete List hauptsächlich publizistisch. Während seine wirtschaftspolitischen Veröffentlichungen vorher meist konkreten wirtschaftspolitischen Fragen wie dem Verkehrssystem und der Abschaffung der Zölle galt, arbeitete er nun grundsätzlicher und verfasste theoretische Schriften. In seinem Hauptwerk "Das nationale System der politischen Ökonomie" (1841) setzte er sich mit Adam Smith und den anderen Klassikern der liberalen Wirtschaftstheorie auseinander. Auch hier war er der Oppositionelle, der Smith‘ The-orien als englische Theorie darstellte, die eine Beherrschung der anderen Länder durch den Freihandel zu rechtfertigen suchte. Wenn sich List auch vehement für Handelsfreiheit einsetzte, so befürwortete er doch Schutzzölle für Länder, deren Wirtschaft erst Anschluss an die hochentwickelten Länder finden müssten. Diese Länder sollten sich mit Zöllen gegen billige Einfuhren schützen, die die sich entwickelnde eigene Wirtschaft zerstören. Erst wenn die eigene Industrie konkurrenzfähig sei, dürften die Zölle abgeschafft werden, um dem freien Spiel der Kräfte Raum zu geben. Insofern entwarf List ein nationales Wirtschaftssystem. Er hatte hier einerseits die USA vor Augen, die sich in dieser Weise erfolgreich gegen englische Importe schützten und natürlich die deutschen Länder, denen er diese Schutzzollpolitik nach außen empfahl, wenn auch die Binnenzölle innerhalb des Zollvereins abgeschafft werden sollten, um den Handel zu erleichtern.

Grundlage seiner wirtschaftspolitischen Theorie war der Begriff der produktiven Kräfte, heute würde man sagen: human resources, deren Ausverkauf ein Land verhindern sollte, weil es einen Verlust von Arbeitskraft und geistiger Kraft darstelle. Das geistige Eigentum und die geistige Kraft (capital of mind) sah List als entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes an. List dachte da an die vielen Auswanderer nach Amerika, deren oft erzwungene Abwanderung die deutschen Länder schwächte.

Wenn ihm seine Wirtschaftstheorie auch Ansehen einbrachte, so war List finanziell doch schlecht gestellt und reiste trotz seines jetzigen Hauptwohnsitzes Augsburg unruhig umher, einerseits um hier und da seine Eisenbahnpläne vorzustellen, andererseits wegen seiner journalistischen Aktivitäten. Ab 1843 wandte er sich Überlegungen einer englisch-deutschen Wirtschaftsallianz zu, später eines Südosteuropaplans mit Ungarn im Mittelpunkt. Er dachte nun über Nationen hinaus noch stärker großraumwirtschaftlich und war damit als Visionist zum Scheitern verurteilt. Weder London noch Wien fanden Gefallen an seinen Allianzkonzeptionen, die er bei Besuchen vorstellte. Ebenso fand er in Preußen wiederholt kein Gehör hinsichtlich seiner Eisenbahnpläne.


DAS ENDE

Enttäuscht und seelisch bedrückt kam Friedrich List August 1846 nach Augsburg zurück. Mit Freunden zerstritten und körperlich angeschlagen brach er November 1846 nach Meran auf, um dort seine Familie zu treffen und sich zu erholen. Aufgrund schlechten Wetters wurde er in Kufstein aufgehalten und verbrachte dort einige Tage krank und einsam im Zimmer eines Gasthofes. Am 30. November unternahm er einen Spaziergang, von dem er nicht zurückkehrte. Am 3. Dezember fand man List tot unter einer Schneedecke, die Pistole noch in der starren Hand haltend. Sein Selbstmord wurde für den 30. November 1846 angenommen. Am 4. Dezember wurde Friedrich List in Kufstein bestattet. Danach überzogen Nachrufe das ganze Land, die List als entschlossenen Kämpfer der deutschen Sache und als pragmatisch denkenden Nationalökonom würdigten. Darunter befanden sich auch etliche Stimmen, die List nur für ihre eigenen Pläne benutzt hatten.


LISTS FAMILIE

1818, im Jahr als List die Professur erhielt und noch sehr optimistisch in die Zukunft schaute, heiratete er die gleichaltrige junge Witwe Karoline Neidhard, geborene Seybold (1789 - 1866). Sie brachte den neunjährigen Sohn Karl (1809 - 1895) mit in die Ehe. Karoline List war die Tochter eines bekannten Pädagogen, und sie erzog ihre Kinder für damalige Verhältnisse sehr fortschrittlich. Friedrich und Karoline List hatten gemeinsam vier Kinder: Emilie (1818 - 1902), Oskar (1820 - 1839), Elise (1822 - 1893) und Karoline (1829 - 1911). Es war ein unruhiges Familienleben mit vielen verschiedenen Aufenthaltsorten. Wenn Friedrich List auch für eine gute Ausbildung seiner Kinder sorgte und versuchte, ein guter Vater zu sein, so war er doch meist unterwegs. Die Hauptlast der Versorgung und der Erziehung der Kinder trug seine Frau. Die drei Töchter waren sprachlich und künstlerisch sehr begabt. Emilie, die älteste, beherrschte Englisch, Französisch und Italienisch, und unterstützte List später oft bei seiner Korrespondenz oder bei Aufsätzen. Elise und Karoline sprachen ebenfalls diese Sprachen. Während sich Elise der Musik widmete und eine hervorragende Sängerin war, verschrieb sich Karoline vor allem der Malerei. Sehr gelitten hat Friedrich List am frühen Tod seines Sohnes Oskar. Oskar hatte das unruhige Wesen seines Vaters geerbt. Es zog ihn zur Fremdenlegion. Mit 19 Jahren starb er in Algerien an Typhus. Friedrich List machte sich danach Vorwürfe, den Eintritt in die Fremdenlegion nicht verhindert zu haben. Der Stiefsohn Karl blieb als einziger in Amerika und wurde dort ein angesehener Arzt.


LISTS BEDEUTUNG

Schaut man in wirtschaftstheoretische Bücher, fehlt der Name Friedrich List meist, dachte er doch in erster Linie wirtschaftspraktisch. Seine Wirtschaftstheorien waren Nebenprodukt seines Einsatzes für die wirtschaftliche Einigung`Deutschlands und seiner Eisenbahnpläne zur Förderung der Industrialisierung Deutschlands. Er begriff als einer der ersten, dass die Eisenbahn nicht nur der Personenbeförderung diente, sondern vor allem Wirtschaftsstrukturpolitik war. Er entwarf für die einzelnen deutschen Länder Eisenbahnsysteme, immer bereits das ganze Deutschland im Kopf, ebenso für andere Länder. Er erkannte, dass nicht alle Strecken gleiche Bedeutung haben konnten, und plante seine Systeme mit Haupt-, Neben- und Lokalstrecken, ein System wie es heute noch Bestand hat. List propagierte auch die Bildung von Aktiengesellschaften zur Finanzierung der Eisenbahnprojekte. Er warb darüber hinaus als umtriebiger schwäbischer Liberaler in vielen Publikationen, teilweise als Herausgeber oder Redakteur der verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften, für die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Modernisierung Deutschlands. Er war absolut gegen die deutsche Kleinstaaterei. So galt er vielen politisch als zu gefährlich, wenn sie auch vielfach insgeheim von seinen Eisenbahnplänen angetan waren.

Neben den Eisenbahnplänen machten ihn seine Konzeptionen zur Zollpolitik bekannt. Er forderte Entwicklungszölle gegen die billigen englischen Importe. Auf diese Weise sollte die Nation zur Selbstversorgung gezwungen und zur eigenständigen Entwicklung "erzogen" werden, bis sie mit der ausländischen Konkurrenz mithalten konnte. Er entwickelte dazu eine Stufentheorie und ordnete die verschiedenen Nationen verschiedenen Stufen zu. Nur innerhalb einer Stufe konnten gleichberechtigte Wirtschaftsbeziehungen ohne Zölle erfolgen. Aktuell ist dieser Gedanke noch heute hinsichtlich der Entwicklungsländer. Als Wirtschaftstheoretiker bleibt neben den Schutzzollüberlegungen die Entwicklung der Theorie der produktiven Kräfte. List sah, dass der geistige Reichtum eines Landes auch seine Wirtschaftskraft bestimmt. Vielleicht hatte Deutschland auch deshalb zu vielen Zeiten eines der besten Ausbildungssysteme der Welt. Visionär waren auch Lists Überlegungen, dass vor einer politischen Union die wirtschaftliche Einigung stehen muss, so dann auch 1871 (Gründung des Deutschen Reiches) geschehen, aber auch heutige Leitlinie der europäischen Entwicklung. Er nahm an, dass es ein Gesetz der wachsenden Räume gibt, die sich zu wirtschaftlicher Geschlossenheit entwickeln. Die Entwicklung der Weltwirtschaft mit ihren großen Wirtschaftsblöcken gibt ihm recht. Als zukunftsgerichteter Mensch stand List der Industrialisierung und der industriellen Revolution aufgeschlossen gegenüber. Dass diese Not und Elend unter den Arbeitern erzeugte, erkannte er wohl nicht.

Neben Karl Marx (1818 - 1883) kann Friedrich List als der zweite große deutsche Ökonom des vorletzten Jahrhunderts angesehen werden. Wenngleich sie völlig unterschiedliche ökonomische Positionen vertraten, ist ihnen doch gemeinsam, dass sie in sich schlüssige Wirtschaftstheorien entwickelten. Marx lehnte Lists Wirtschaftstheorie in der Sache ab, war aber von ihrer inneren Logik und Konsequenz beeindruckt. List und Marx waren in ihrer Zeit politische Unruhestifter, wurden aufgrund ihrer Überzeugungen verfolgt und erfuhren zu Lebzeiten kaum Anerkennung. Als Mensch schwierig, keine Auseinandersetzung scheuend, seine Vorstellungen ohne Umwege direkt verfolgend und ohne taktische Schläue, musste Friedrich List in seiner Zeit wohl als Außenseiter scheitern. Heute weiß man um das wirtschafts- und verkehrspolitische Genie Friedrich Lists, etwas das Lists Zeitgenossen zwar bereits erkannten, aber vielfach nicht zugeben wollten.

Unsere Schule trägt also den Namen einer wichtigen deutschen Persönlichkeit, eines Wirtschaftstheoretikers und -pragmatikers ersten Ranges. Für uns als Fremdsprachenschule und Kompetenzzentrum ist sein Internationalismus mehr als nur Verpflichtung.


Literatur

  • Bülow, Friedrich: Friedrich List. Ein Volkswirt kämpft für Deutschlands Einheit. 1959.
  • Fabiunke, Günter: Zur historischen Rolle des deutschen Nationalökonomen Friedrich List. Berlin: 1955.
  • Hendersen, William: Friedrich List. Eine historische Biographie des Gründers des Deutschen Zollvereins und des ersten Visionärs eines vereinten Europas. 1984.
  • Schefold, Ulrich: 150 Jahre Eisenbahn in Deutschland. 1985.

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